Die reale Welt der Onlinerollenspieler



Die reale Welt der Onlinerollenspieler

Ein investigatives Interview






Vor gut acht Jahren kam mit "EverQuest" das erste Massively Multiplayer Online Role-Playing Game (MMORPG) so wie wir es heute kennen auf den Markt und legte in den USA sowie Europa den Grundstein für den Erfolg der Online-Rollenspiele. Allerdings haben, wie mittlerweile jedem bekannt sein dürfte, diese Spiele auch ihre Schattenseiten. Denn im Gegensatz zu den klassischen Rollenspielen, wo der Spieler sein Spieltempo selbst bestimmen kann, ist dies bei den MMORPGs nicht mehr möglich. Auch ohne sein Zutun entwickelt sich die Online-Welt und deren Geschichten. Diese Umstände können zu einem erhöhten Zeitaufwand führen, wobei der Spieler der Gefahr ausgesetzt ist, sein alltägliches Leben zu vernachlässigen.

MMORPG EverquestInfolgedessen jagen regelmäßig und zahlreiche Meldungen über User durchs Internet, die dem Onlinespiel derart verfallen sind, dass ihr "Real Life" zum Neben- und das Fantasiereich zum Hauptschauplatz ihres Daseins wird. Im Extremfall kann dieser "Weltentausch" sogar mit dem Tod enden.

Natürlich sind derartige Fälle nicht die Regel. Denn abseits einer geringen Anzahl von suchtgefährdeten "Vollzeitspielern" gibt es noch die große graue Masse der Hobbyspieler, deren Alter sich über Generationen erstreckt und die unterschiedlichsten Menschen miteinander verbindet. Männlein und Weiblein, im realen Leben vielleicht Anwalt, Metzgermeister oder Schüler, gehen in ihrer Freizeit als Krieger, Magier, Raumfahrer, Jedi oder Hofdame gemeinsam auf Abenteuerjagd. Nach dem Motto "Gemeinsam sind wir stark!" finden sich von Alderaan (Star Wars Galaxies) bis Tyria (Guild Wars) Spielergemeinschaften zusammen, um anspruchsvollere Aufgaben (Instanzen) meistern zu können. In so genannten Gilden wird unter anderem das gemeinsame und planvolle Vorgehen in der Onlinewelt erprobt, um beispielsweise eben Instanzen zu bewältigen oder aber auch im Player versus Player (PvP) beziehungsweise Guild versus Guild (GvG) bestehen zu können.

Guild Wars- Gilde FORTGerade auf die letzten beiden Varianten zielt das populäre Spiel "Guild Wars" vom US-amerikanischen Entwickler ArenaNet. Die Spielmechanik dieses MMORPGs legt starke Betonung auf das Teamplay und fordert demnach auch entsprechend mehr Zeit von den Mitspielern. Damit sind die Anhänger dieses Online-Titels genau die richtigen Probanden für die ProjectLAN.de- Feldforschung. Also haben wir uns auf das diesjährige Gildentreffen der "Guild Wars"- Gilde "FORT - The Foreign Spirits" geschmuggelt, um ein wenig Licht in das noch unerforschte Dunkelfeld der durchschnittlichen MMORPG Onlinespieler zu bringen.

Stellvertretend für das Team haben wir Fabian aka "Morten" zur Seite genommen und ihm ein paar erkenntnisreiche Antworten zu unseren Fragen entlockt.



Gildenanführer FabianProjectLAN.de: Hallo Fabian! Wir freuen uns, dass wir die Gelegenheit bekommen haben, euch auf eurem Treffen besuchen zu dürfen. Vielleicht wäre es von Vorteil, wenn du die Gilde unseren Lesern zuerst einmal vorstellen könntest?

Fabian: Wir sind eine Guild Wars Gilde mit der Zielsetzung, Spaß am Spiel zu haben und auch im PvP- Bereich ein gewisses Niveau zu halten, so, dass alle unserer Mitglieder zufrieden sind. "The Foreign Spirits" haben sich im März 2006 neu gegründet, weil einige Spieler wegen mangelnden Teamplays unglücklich mit ihrer alten Gilde waren und so eine neue Herausforderung suchten.

ProjectLAN.de: Wieviel Mitglieder zählt eigentlich eure Gilde und wie ist diese zusammengesetzt?

Fabian: Unsere Gilde hat im Moment 26 Mitglieder. Alle sind über 18 oder zumindest nah dran. Unser Durchschnittsalter liegt so momentan bei ungefähr 24 und wir verfügen alle über eine gewisse charakterliche Reife, so dass auch menschlicher Umgang bei uns hoch im Kurs steht. Wir haben 4 Frauen in der Gilde, die alle etwas weniger aktiv sind als die Männer, aber das macht ja nichts. Die Mitglieder verstreuen sich über ganz Deutschland. Von Hamburg bis München und von Bonn nach Dresden ist alles dabei. Unsere Gilde ist auch gerne eine Heimat für Freunde und Verwandte von Mitgliedern.

ProjectLAN.de: Was meinst du damit?

Fabian: Das heißt, wenn Mitglieder Freunde oder Verwandte haben, die sich für „Guild Wars“ interessieren, sind wir gerne bereit sie ohne große Umstände aufzunehmen.



Die FORT-Mitglieder nach einem gemeinsamen Gotchaspiel.


ProjectLAN.de: Wo liegt bei euch das Hauptaugenmerk? Wollt ihr die Gildenladder emporsteigen beziehungsweise habt ihr auch feste Trainingszeiten oder spielt ihr eher zum Vergnügen? Wie ernst nehmt ihr die Sache?

Fabian: Wir spielen wie vorhin schon erwähnt hauptsächlich zum Vergnügen. Allerdings braucht man um GvG, also Kämpfe zwischen Gilden zu spielen 8 Spieler. Um dann zum Spielen zu kommen braucht man einfach Absprachen. Wir haben uns auf drei feste Trainingstage beziehungsweise Spieltage in der Woche geeinigt. In unserem Rahmen nehmen wir unser Spiel schon recht ernst. Allerdings kann man uns sicher nicht mit einer der Top-Gilden vergleichen. Top Gilden spielen meistens jeden Tag sehr viele GvG’s und investieren sehr viel Zeit in das Spielen. Das tun wir nicht mehr.

ProjectLAN.de: Woran liegt das?

Fabian: Da wir eine Gilde sind, die sich hauptsächlich aus Leuten zusammensetzt, die studieren oder arbeiten, haben wir einfach nicht die Zeit, um jeden Tag GvGs zu spielen. Das Ergebnis ist, dass wir wohl nie zu den Top Gilden gehören werden. Allerdings ist das auch gar nicht unsere Ambition. Die Motivation der Gilde hängt nicht mit dem Ehrgeiz zusammen in der Ladder aufzusteigen, sondern schöne GvGs am Abend zu machen.



Gemeinsamer Ausflug der Gilde ans Blaue Wunder in Dresden.



ProjectLAN.de: Du hast eben die Vorbereitung und Organisation eurer Wettkämpfe angesprochen. Kommt es hier auch mal zu Konflikten innerhalb der Gilde und wenn ja, wie werden diese geregelt?

Fabian:
Ab und zu kommt es mal zu Konflikten, die sich meistens um das Team Setup, oder besser gesagt, um das Teambuild, wie eine Aufstellung eines Teams in Guild Wars genannt wird, drehen. Dort ist es schon öfter mal zu kleineren Streitigkeiten gekommen. Hier ist es ein absoluter Vorteil, dass wir alle schon etwas älter und reifer sind. Eigentlich sind alle unsere Streitigkeiten über unser Forum oder über eine Diskussion im Teamspeak geregelt worden.



Grillen, Zelten und Lagerfeueratmosphäre im FORT- Gildencamp 2007.

ProjectLAN.de: Nun habt ihr euch alle, soweit uns bekannt ist, nicht zum ersten Mal an einem Ort zusammengefunden. Wie muss man sich den Ablauf dieser Treffen eigentlich vorstellen?

Fabian: Im Prinzip planen die Leute, bei denen das Treffen stattfindet, das Ganze wie ein Zeltlager. Das heißt, sie organisieren einen Zeltplatz, eine Stelle zum Zocken und etwas zu essen. Nach dem Treffen gibt es eine große Abrechung und jeder bezahlt seinen Anteil. Hauptbeschäftigung auf einem Gildentreffen ist eigentlich sich mit den anderen mal richtig zu unterhalten und nicht nur über ein PC-Spiel zu reden. Ausflüge, Grillfeste und kleinere Lanparties gehören zu den Aktivitäten denen wir nachgehen.

ProjectLAN.de: Kommen wir zu ein paar interessanten Fragen, eure Spielgewohnheiten betreffend. Wie viel Zeit investiert ihr so im Durchschnitt in dieses Hobby? Musste der ein oder andere sich infolgedessen schon mal mit ernsten Probleme auseinandersetzen beziehungsweise welche Wichtigkeit nimmt das Onlinespielen in eurem Leben ein?

Fabian: Das hängt von jedem Einzelnen selber ab. Es gibt Spieler bei uns die auch schon mal einen Tag hauptsächlich mit Zocken verbringen können. Aber wir sind sicherlich alle noch relativ gut geerdet und haben auch genug andere Alternativen im Real Life, die uns auch mal vom PC wegholen können. Probleme im Real Life hatte bisher noch keiner von uns aufgrund von Guild Wars. Eigentlich ist das Onlinespielen für die meisten von uns eine Feierabendsbeschäftigung. Also abends noch eine bis drei Stunden spielen nach der Arbeit.



Auch "Guild Wars" kam beim Treffen nicht zu kurz.


ProjectLAN.de: Und wie schaut es mit denen aus, die in einer Partnerschaft leben? Wird dies da eher tendenziell toleriert oder spielt gar der eigene Partner mit?

Fabian: Einige Mitglieder haben Partner, die auch das Spiel spielen und sogar zusammen in unserer Gilde sind. Diejenigen, deren Partner nichts mit dem Spiel zu tun haben, haben prinzipiell keine Streits mit ihren jeweiligen Lebensgefährten wegen einem Computerspiel. Das kommt wohl auch daher, dass die meisten schon etwas länger zusammen sind und ein Spiel die Beziehung eher nicht gefährdet, selbst wenn es ein relativ intensives Spiel wie „Guild Wars“ ist.

ProjectLAN.de: ProjectLAN.de beschäftigt sich als Szene- und Newsportal zu einem großen Teil auch mit der LAN-Party-Szene. Haben einzelne Mitglieder der Gilde schon einmal eine LAN besucht? Und wenn ja, worin seht ihr den Reiz einer LAN-Party?

Fabian: Einzelne Mitglieder haben schon LAN-Parties besucht, allerdings nicht in ihrer Funktion als Gildenmitglied, sondern auf Eigeninitiative. Das „Problem“, dass LAN-Parties mit sich bringen ist, dass man den PC hinbringen und wieder wegbringen muss. Dadurch, dass man sich beim Onlinespielen einfach nur hinsetzen muss und spielen kann, macht dies das Zocken vom heimischen Schreibtisch aus um ein Vielfaches attraktiver. Der Hauptreiz an einer LAN-Party für unsere Mitglieder ist das Treffen von Freunden und Bekannten. Das Spielen auf einer LAN rückt für diejenigen ein wenig in den Hintergrund. Die meisten LANs, die unsere Mitglieder besuchen waren auch eher die, die von Freunden organisiert wurden.

ProjectLAN.de: Könntet ihr euch vorstellen, noch im Rentenalter MMORPGs zu spielen oder haltet ihr dies lediglich für den Ausdruck einer Lebensphase?

Fabian: Keine leichte Frage. Es kann kommen wie es will. Momentan denkt wohl eher keiner unserer Mitglieder an die Zeit in 30 oder 40 Jahren. Könnte sein, dass sich bis dahin wirklich vieles ändert. Eins steht fest: Computerspiele an sich werden die meisten von uns auf jeden Fall noch lange begleiten.


Wir bedanken uns bei der Gilde „Fort – The Foreign Spirits“ für ihre Gastfreundschaft und das nette Interview und wünschen weiterhin alles Gute für die Zukunft!

Wir hoffen, dass dieser Beitrag ein wenig Aufklärungsarbeit wider der medial ausgelösten Hysterie zum Thema Online-Rollenspiele leisten konnte.



Kommentare

  • Onlinespieler Offlinetreffen
    Nach dem Interview muss ich eingestehen, dass ich das Suchtverhalten der ORPGler etwas überschätzt habe. Im Grunde genommen scheint das auch nur ein Hobby zu sein - nicht viel zeitraubender als Modellbau, Museumsbesuche oder Golf. Es ist eben nur sehr viel bequemer. :)

    21. Jul 2007 - 18:50 Uhr
  • Freaks
    Aber die rennen nicht wirklich dort so rum wie auf dem Bild oder?

    9. Aug 2007 - 16:39 Uhr
  • haha wie geil
    wie geil ist das denn^^

    27. Oct 2007 - 10:05 Uhr
  • Onlinezocken Offlinerocken
    Und genau das ist ein westentlicher bestandteil für eine wachsende und gewinn strebende Gilde/Community!

    Echt geil!

    27. Oct 2007 - 11:37 Uhr
  • -
    Mächtig Mächtig

    27. Oct 2007 - 12:56 Uhr

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