Veranstalter wirbt mit Killerspielern
05. Jan, 2007 - 15:33 Uhr | greenmile | | 4 Kommentare | 5178 Leser
Organisatoren der Greenmile im Interview
GreenmileLAN - ein "Verein für Jugendförderung und Technik" - veranstaltet regelmäßig Lanpartys im Raum Brandenburg. Für die kommende Veranstaltung fährt nun dessen Marketingabteilung eine sehr offensive Werbekampagne. Geachtet dessen, dass die "Killerspieler" aktuell in Medien und Politik heiss diskutiert werden, thematisiert man diese nun im aktuellen Werbeflyer. Welches Ziel diese Botschaft verfolgt, das haben wir Marco 'Fl.o.H.' Reßler, den Pressevertreter des Vereins, gefragt.
ProjectLAN: "Die Killerspieler sind los" lautet die Hauptüberschrift auf eurem aktuellen Flyer. Was bewegt euch zu dieser - mit Sicherheit auch gewollt provokanten - Werbebotschaft?
Marco: Provokation! Das Bild-typische Layout und die polemische Schreibweise sind schlicht eine satirische Anspielung auf die Reaktion der Medien zur Killerspieldebatte. Unsere Zielgruppe erfährt ja ständig Angriffe auf diese Art und Weise und reagiert natürlich auch jedes Mal mit Interesse…wie jeder, der provoziert wird. Der Flyer weckt ganz einfach Neugier und löst Verbundenheitsgefühle aus, ganz nebenbei transportiert der Flyer dann aber auch noch unsere Werbebotschaft. ;-)
ProjectLAN: Wieso sprecht ihr gerade diese Zielgruppe an?
Marco: Nunja, wir veranstalten LANpartys - da gibt es nicht so viele Zielgruppen. Und vor allem ist allen gemein, dass sie Computerspiele spielen.
ProjectLAN: Habt ihr nicht Befürchtungen dabei, euch genau an diese Community anzupassen? Dies konnte doch auch einen grossen Imageverlust, gerade bei den Jugendämtern, bedeuten?
Marco: Ja und Nein. Wir stammen ja quasi aus dieser Community. Woher sonst sollten wir das Interesse haben, solche Veranstaltungen durchzuziehen? Wir gehören einfach dazu, egal wie wenig wir selber im privaten Umfeld am Computer spielen. Regional sind negative Auswirkungen dieses Flyers für uns fast ausgeschlossen. Unsere Region hier ist eine größere Vorort-Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt, der was auf die Beine stellt.
Wir haben hier glücklicherweise bei allen Entscheidungsträgern (egal ob Amt, Firma oder Jugendhilfe) einen sehr guten Ruf. Immerhin sind wir in den Augen der „Alten“ ja eine Ansammlung von „Computerkindern“ die normalerweise nur zuhause hocken, aber selbständig was auf die Beine bekommen - absolut fördernswert also. Viele von uns arbeiten oder haben in den regionalen Jugendclubs gearbeitet, einige haben mit unseren Discos hier zu tun (betreiben diese) und wieder andere gehen hier bei uns zur Schule oder arbeiten am Ort. Es gab hier vor vielen Jahren 2 Internet Cafes (also Zockerbuden) die aber 2003 geschlossen werden mussten. Die haben wahrscheinlich auch viel dazu beigetragen, dass die Menschen bei uns das nicht ganz so verbissen sehen.
In fast jeder Tankstelle und jedem Zeitungsladen hier liegen unsere Flyer aus und alle haben sie sich vorher angeschaut ;). Vielleicht sind die Menschen hier auch einfach liberaler als anderswo. Der Osten hat allgemein den Ruf, etwas aufgeschlossener anderem/neuen gegenüber zu sein. Wer weiß? Es scheint fast so, als hätten wir hier einfach ein großen Heilewelt-Vorort. ;-)
ProjectLAN: Wir verstehen euch richtig? Ihr seid potenzielle Killerspieler?
Marco: Ja, na klar. Hab ich das grade nicht deutlich genug gesagt?
ProjectLAN: Kurze Zwischenfrage: Es ist bei euch noch nie zu Ausschreitungen gekommen?
Marco: Nein, nie!
ProjectLAN: 300 Killerspieler - in einem Raum. Warum seid ihr euch sicher, dass es zu keinen Ausschreitungen kommen wird?
Marco: Gute Frage. Einige planen bestimmt wieder was…aber denen nehmen wir am Eingang die Waffen ab. Nein, mal im Ernst! Wir würden uns doch nicht gegenseitig umbringen. Wenn dann üben wir nur zusammen, schmieden Pläne und setzen diese dann an einem passenden Ort um. Während der ganzen Planungsphase in unseren Hallen wird die ganze zeit Marilyn Manson und Slipknot Musik gespielt, damit keiner ausflippt…wir wissen wie wir unsere Killerspieler unter Kontrolle halten können.
ProjectLAN: Wenn man das also richtig interpretiert, dann ist der Begriff "Killerspieler" also eine Beleidigung einer ganzen Jugendbewegung?! Wie empfindet ihr dabei, wenn man bedenkt, dass diese - durch Medien und Politik - stark negativ geprägte Titulierung direkt an euch gerichtet ist?
Marco: Meiner Meinung nach ist das, was Herr Beckstein & Co. betreiben Volksverhetzung. Genauso gut könnten sie im TV gegen Farbige oder Juden reden oder gegen eine beliebige andere Minderheit. Die liberale Gesellschaft ist doch bloß die Schnittmenge vieler einzelner Minderheiten die sich kaum unterscheiden und jede für sich hat nicht nur die Erlaubnis sondern die Pflicht zu existieren und den Facettenreichtum, auf dem unsere ganze gesellschaftliche und technologische Entwicklung basiert, zu fördern.
Das Internet als Informationsquelle ist nur einem kleinen Teil unserer Gesellschaft gegenüber wirklich offen. Die großen „alten Medien“ hingegen sind nicht wirklich offen. Nachrichtensender/Sendungen leben in der Zeit des Konkurrenzdrucks, von Provokationen wie sie bis vor einigen Jahren nur in der Werbung üblich waren. Zeitungen sind generell ein Medium von und für im Durchschnitt alte Menschen bzw. wie die Bild generell nur auf Boulevard zugeschnitten um den Handwerkern morgens in der S-Bahn/Frühstückspause was Leichtverdauliches anzubieten. Das beste Beispiel dafür ist die Spiegel vs. Focus Geschichte seit 1993…eine Zeitung muss auf einmal kämpfen und verrät dafür die Werte ihres Gründervaters.
Aus verschiedenen Gründen tendiert der größte Teil der Menschen zu Informationsquellen mit denen man leicht zu einem meinungsbildenden Ergebnis kommt oder noch besser, die Meinung schon geschrieben steht, so dass man die Informationen eigentlich nur noch als vorgeschobenes Argumentativ braucht.
Ein Effekt der in unserer Geschichte schon mal ausgenutzt wurde und eine gesellschaftliche Verantwortung die in den Nachkriegsjahren eigentlich erkannt war. Leider verfallen diese Werte immer weiter unter dem Konkurrenzdruck und schwächen damit im Endeffekt sogar die Demokratie. So wird es möglich, dass Politiker wie Beckstein kaum argumentierte Äußerungen vom Stapel lassen und Zeitungen sich trotz alle dem um diese reißen: Ist das dann noch ein Mehrheitsentscheid? Für ein heutiges „altes Medium“ spielt es eigentlich gar keine Rolle ob die Konsumenten das gut finden oder wie viele Menschen sich dadurch angegriffen fühlen… das ist egal. Das Ziel ist in beiden Versionen gleich: hohe Absatzzahlen.
Einen einzelnen Schuldigen gibt es nicht - aber ich weiß, wer die Verantwortung zu tragen hat.
Wir, die Jugend als die Entscheidungsträger unserer Gesellschaft tragen diese in der Zukunft. Beckstein, die Zeitungsmacher und unsere Eltern und Grosseltern tragen sie heute – in der Gegenwart.
Egal um welches Thema es geht, im Ergebnis ist die gesamte Gesellschaft zur Verantwortung zu ziehen. Aber was will man machen? In einer Zeit, in der selbst auf Arte Pornos laufen, damit überhaupt noch jemand die Deutsch-Französische Freundschaft guckt…man kann nur darauf achten, dass man es selbst besser macht oder/und den Effekt für sich ausnutzt.
Aber um es jetzt mal auf den Punkt zu bringen: Ja, wenn ich eine Zeitung lese oder einen Fernsehbeitrag sehe, der unsere Szene thematisiert, fühle ich mich oft angegriffen und ausgegrenzt.
ProjectLAN: Wie würde für euch eine objektive Darstellung eines ambitionierten Computerspielers aussehen?
Marco: Ansichten sind ja immer eine Frage der Perspektive - und was man für sich selber als richtig erachtet, ist nun mal richtig. Es gibt also Auf jeden Fall Menschen, die dass - basierend auf ihren individuellen Eindrücken - anders sehen als ich.
Ich finde, das sind ganz normale Menschen, und es gibt keine echten Unterscheidungsmerkmale. Der eine hat das Hobby... ein anderer ein anderes und wenn ich es versuchen würde am Schnitt unserer Teilnehmer zu erklären, würde dabei auch nix anderes rauskommen. Bei uns sitzen Gaswasser Handwerker, Bodybilder und Tui Animateure neben Abiturienten, Studenten, Punks oder auch Autonomen. Unsere Szene zieht sich generell durch alle gesellschaftlichen und subkulturellen Schichten.
Vielen Dank für deine Zeit. Wir wünschen euch viel Erfolg bei eurer Veranstaltung.
Relevante Links:
Greenmile LAN
Veranstaltungsdetails
Youtube #1
Youtube #2
Kolumne: Wenn Killer spielen










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